AEW vs. WWE: Warum AEW als Sieger hervorgeht

AEW vs. WWE: Warum AEW als Sieger hervorgeht

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Knapp zwei Jahre ist es her, dass die neue Wrestling-Promotion All Elite Wrestling, kurz AEW, angekündigt wurde. Im Oktober 2019 begann die wöchentliche Show AEW Dynamite. Der Rest – wie man so schön sagt – ist Geschichte. Hier geht es allerdings weniger um die Geschichte als um die positiven Veränderungen, die das neue Unternehmen mit sich bringt. AEW bietet sich als Alternative zur WWE (World Wrestling Entertainment) an. Was hat es mit dem „frischen Wind“ auf sich, den man gerne als Metapher für neue Sachen verwendet?

Fokus auf Wrestling, nicht Entertainment

Nein, es soll kein typisches WWE-Bashing werden, aber da WWE nun mal die größte Liga ist, muss man früher oder später Vergleiche ziehen. AEW etablierte sich in diesen eineinhalb Jahren zur Nummer 2 der Wrestling-Welt. Dabei gingen sie einer einfachen Formel nach: gutes Wrestling zeigen. Das mag zwar für ein Wrestling-Unternehmen logisch sein, doch gerade WWE zeigt seit Jahren, dass Entertainment im Vordergrund steht, um eben den größtmöglichen Profit aus dem Business zu schlagen.

AEW fährt eine andere Schiene. Zwar ist der Entertainment-Aspekt ebenfalls gegeben, allerdings liegt der Fokus klar auf den In-Ring-Fähigkeiten der WrestlerInnen. Die Matchzeiten sind länger, die Matches spektakulärer und jedes Match fühlt sich neu an, da keine Wrestlerin und kein Wrestler nur ihre/seine zwei oder drei Moves immer und immer wieder abspielt. Wrestling steckt voller atemberaubender Aktionen und in AEW schöpfen die AthletInnen diese nur allzu gerne aus.

Mut zu Neuem

Dieses große Repertoire spiegelt sich nicht nur im Ring wider. Das ganze Drumherum wirkt bei AEW sehr durchdacht und professionell. Interessant ist das vor allem mit dem Hintergrund, dass die Angestellten bei AEW selbst sehr viel entscheiden dürfen und eine große Freiheit in dem haben, was sie machen. Abgesegnet wird es durch die obersten Stellen (Executive Vice Presidents), die allesamt selbst Wrestler sind, und durch den CEO Tony Khan. Es steht also nicht ein komplettes externes Team dahinter, das alles bis aufs letzte Detail durchchoreographiert, wie es beim Branchenprimus üblich ist.

Diese Chancen für die WrestlerInnen münden oft in sehr kreativen Ideen und neuen Storylines. Daraus werden neue Stars geboren. Auch hier gilt das Motto „Mut zu Neuem“. AEW hat es in der kurzen Zeit geschafft viele neue Stars aufzubauen (oder zumindest einen Aufbau in die Wege zu leiten), wie man es an den Beispielen MJF, Darby Allin oder Britt Baker sieht. Was die Matches betrifft, so greift man in Corona-Zeiten gerne zu „cinematischen Mitteln“ – ein Match, das also vorab aufgezeichnet wurde und einem kleinen Filmausschnitt ähnelt. Die Matches kamen so gut an, dass man bei WWE ebenfalls kurz darauf zu denselben Mitteln griff. Das ist nur ein Beispiel von vielen, was den Unterschied der beiden Unternehmen zeigt: AEW agiert, während WWE reagiert.

Ein weiterer Punkt ist die Zusammenarbeit mit anderen Ligen. Seit Jahrzehnten ist WWE die größte Liga, die mit anderen Ligen nur etwas zu tun hatte, wenn sie diese aufgekauft haben. AEW wählt eine andere Strategie und arbeitet mit mehreren Ligen zusammen. NWA, TNA und nun NJPW – die kleineren Ligen sehen ihre Chance für mehr Aufmerksamkeit in einer Kollaboration. Für die Ligen und somit gleichzeitig die Fans ergeben sich unendlich viele Möglichkeiten, was Traum-Matches und -Storylines betrifft. Wie immer reagierte WWE ganz zufällig ein paar Tage später und meinte, dass sie ebenfalls für Kooperationen offen wären. Schwer zu glauben, nachdem man über Jahrzehnte gegen alle arbeitete.

Breites Angebot für smarte Fans

Die Überschrift soll nicht heißen, dass nur AEW-Fans intelligent sind und WWE-Fans dumm. Vielmehr geht es um die Zielgruppe, die beide Seiten ansprechen wollen. AEW setzt dabei auf ein älteres und gleichzeitig jüngeres Publikum als ihre Konkurrenz. Während WWE durch Altstars ihre Ü50-Gruppe halten will und durch Pinkel- und Pups-Witze kleine Kinder anspricht, versucht die Liga von Tony Khan tiefgründigere Geschichten über viele verschiedene Medien aufzubauen und damit die Hardcore-Wrestling-Fans (Hardcore i.S.v. enthusiastisch) zu begeistern.

AEW Dynamite als wöchentliche TV-Show, Being The Elite als wöchentliche YouTube-Show, regelmäßige Podcasts, Twitter-Konversationen und Geschichten aus anderen Ligen, die übertragen werden – all das bedeutet, dass man ein breites Wissen rund um das Produkt haben muss, um jeden Witz, jeden Charakter und jede Storyline zu verstehen. Des Weiteren setzt AEW auf langfristiges Booking, womit Geschichten und Fehden über Monate gehen können und nicht nur für das Kurzzeitgedächtnis gedacht sind. Die Story um Hangman Adam Page oder auch Kenny Omega sind nur zwei aktuelle Entwicklungen. Es geht nicht nur darum, möglichst viel zu produzieren, sondern dem Ganzen eine Tiefe zu geben.

Kennenlernen der Wrestler „im echten Leben“

Diese Tiefe betrifft die Storylines und die WrestlerInnen gleichermaßen. Wie schon erwähnt, dürfen die Stars von AEW ihr Können selbst in Szene setzen, da ihre Ideen auf offene Ohren stoßen. Daneben verleiht man den Charakteren aber ebenso eine Tiefe, wenn die Privatpersonen beleuchtet werden. Lange Zeit war „Kayfabe“ wichtig, was bedeutet, dass alles, was im Wrestling passiert, als echt dargestellt werden soll. Im Jahr 2021 und in Zeiten des Internets ist das aber in keinster Weise mehr möglich. Die Verantwortlichen bei AEW haben das erkannt und nehmen sowohl den Sport als auch sich selbst gerne auf die Schippe.

Daraus lässt sich aber nicht schließen, dass Wrestling als Sport deswegen nicht mehr funktioniert. Im Gegenteil: Die WrestlerInnen reden offen über ihr Leben und geben viel über private Angelegenheiten preis. So entsteht eine noch stärkere Verbindung zu den Personen hinter den gespielten Rollen und die Fans fiebern teilweise noch stärker mit bzw. können es kaum erwarten noch mehr über diese zu erfahren, ob bei den Fernsehshows, auf YouTube oder – vor allem – in Podcasts.

Meinung der Wrestler selbst

Talk is Jericho ist einer der größten Wrestling-Podcasts, in dem man viel über die Wrestlerinnen und Wrestler erfahren kann. Daneben bietet beispielsweise der hauseigene Podcast AEW Unrestricted eine weitere Möglichkeit, die AthletInnen näher kennenzulernen. In den Podcasts gibt es keine Grenzen und nichts, worüber die Beteiligten nicht sprechen. Die große Konkurrenz zu erwähnen ist für AEW nicht so sehr das Problem, wie das umgekehrt der Fall ist.

Aus den Podcasts geht meist hervor, wie glücklich die WrestlerInnen sind, weg von WWE zu sein und wie froh sie sind, dass es eine Alternative wie AEW gibt. Und nein, das betonen sie nicht nur bei AEW Unrestricted, sondern bei allen anderen Podcasts und Interviews genauso. Die Meinungen zu AEW sind durchwegs positiv, was sowohl das Arbeitsklima als auch die private Ebene betrifft. Alle fühlen sich willkommen und jedem wird bestmöglich geholfen, so geht es zumindest aus den Interviews hervor. Auf der Gegenseite steht für viele die Zeit bei WWE, die eine grausame Geschichte nach der anderen parat hält. WrestlerInnen, die sich nun entscheiden zu AEW zu gehen, werden mit peinlichen oder schmerzhaften letzten Auftritten vor Vertragsende bestraft.

Das Menschliche: Tony Khan vs. Vince McMahon

Hier kommt Vince McMahon, der CEO von WWE, ins Spiel. Viel zu oft wird ersichtlich, dass es dem Geschäftsführer um nichts anderes als Geld geht und ihm seine Angestellten egal sind. WrestlerInnen bei WWE stehen als freie DienstnehmerInnen unter Vertrag, sind aber gleichzeitig exklusiv bei WWE unter Vertrag und dürfen für niemanden sonst arbeiten. Sie können alles über die Personen bestimmen, u.a. wo und wann diese auftreten dürfen. „Sie kontrollieren dein Leben“, unterstrich der ehemalige Wrestler Jesse Ventura eindeutig.

Warum das alles so funktioniert? Weil WWE über Jahrzehnte hinweg ein Monopol war und diese Position bis aufs Letzte ausnutzte bzw. das immer noch tut. Erst vor kurzem kam ein Verbot, das bewirkt, dass WrestlerInnen zahlreiche Social-Media- und Streaming-Plattformen nicht mehr nutzen dürfen, u.a. Twitch. Der Grund ist wieder einfach: Vince will nicht, dass die WrestlerInnen außerhalb der WWE Geld verdienen (obwohl sie freie Dienstnehmer sind), sondern will das Geld für sich haben. Die Liste der negativen Sachen geht ins Unendliche: In Corona-Zeiten gab es eine Entlassungswelle und das obwohl das Unternehmen Rekordumsätze verbuchte. Vince fiel in der Vergangenheit zudem durch viele sexistische und rassistische Inhalte auf. Es ist daher wenig verwunderlich, dass ein Donald Trump in der Hall of Fame des Unternehmens aus Connecticut ist.

Auf der anderen Seite steht Tony Khan. Der Gründer von AEW bekommt Lob von allen Seiten. Er sei ein netter und liebenswürdiger Mensch, der sich um das Wohl seiner Angestellten kümmert, wie aus zahlreichen Interviews hervorgeht. Während der Pandemie entließ er deshalb zunächst keine einzige Person. Erst viele Monate nach dem Ausbruch gab es zwei, drei Entlassungen, die allerdings auch auf andere Gründe zurückzuführen sind. Der Sohn von Shahid Khan, dem Besitzer der Jacksonville Jaguars und Fulham FC, besitzt zudem eine große Leidenschaft fürs Wrestling. Laut Angaben zahlreicher WrestlerInnen ist er ein wandelndes Wrestling-Geschichtsbuch, da er jede Storyline, jeden Charakter und die dazugehörigen Zeitpunkte in der Vergangenheit in- und auswendig kennt. Diese Leidenschaft kommt den Wrestling-Fans zugute. Bisher hatte man nie den Eindruck, es würde ihm um Geld gehen, sondern mehr darum, eine schöne runde Alternative für Wrestling-Fans zu bieten.

Ausblick auf die nächsten Jahre

AEW hat bei vielen Wrestling-Fans wieder ein Feuer entfacht. Nachdem sich in den letzten Jahren viele Fans vom Wrestling abgewendet hatten, da die Sportart sehr stark ins Lächerliche gezogen wurde, hat AEW es in kurzer Zeit geschafft, wieder Freude in die Wrestling-Herzen zu bringen. Die Corona-Pandemie hinterlässt selbstverständlich einen faden Beigeschmack und man wird sich fragen, was ohne Pandemie möglich gewesen wäre, aber auch so läuft es für AEW bisher mehr als zufriedenstellend.

WWE befindet sich auf einem absteigenden Ast, zumindest was die Zuschauerzahlen betrifft. Das ist leider gleichbedeutend mit einem niedrigeren Interesse für die Sportart im Allgemeinen. Die Nummer 1 in Sachen Wrestling wird WWE aber über Jahre hinweg – vielleicht sogar für immer – bleiben. AEW ist noch nicht mehr als eine Alternative. Die Wrestling-Welt darf jedoch gespannt sein, wie es in den kommenden Jahren weitergeht. Durch die Zusammenarbeit mehrerer „kleiner“ Ligen, besteht zumindest ein Fünkchen Hoffnung, dass Wrestling einer spannenderen Zeit entgegenblickt. Und wer weiß, vielleicht kann ein Monopol auch wieder einmal aufgebrochen werden. Zu wünschen wäre es jedenfalls…


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Nemi Sever

Meine große Leidenschaft ist Sport. Während ich Sportarten wie Wrestling, Darts und Fußball schon seit Jahren verfolge, gebe ich auch gerne anderen eine Chance. Hinter jeder Sportart steckt immer mehr, als man denkt.

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