Coronavirus und die hässlichste Seite der Fußballwelt

Coronavirus und die hässlichste Seite der Fußballwelt

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Das Coronavirus hält die Welt in Atem — somit auch die Sport- und Fußballwelt. Schnell wurde aber klar, dass es die Fußballwelt nicht gleichermaßen betrifft wie andere Sportarten. Während in den meisten Sportarten alle Wettbewerbe verschoben oder sogar abgesagt wurden, war davon beim Fußball nur selten die Rede. Was sich in den letzten Wochen dann herauskristallisierte, war das vielleicht hässlichste Gesicht des Fußballs, das man in der langen Geschichte sehen konnte.

Fußball in der Krise

Wie in allen Bereichen des Alltags, sprachen auch die Funktionäre zahlreicher Vereine und Verbände des Fußballs bald von einer großen Krise. Hans-Joachim Watzke befürchtete sogar die „größte Krise der Geschichte“ für den Sport. Damit sollte er recht behalten. Grund dafür ist allerdings nicht das Coronavirus, sondern die Entwicklung des Fußballs selbst.

Nicht nur Vereine und Verbände wirtschaften komplett falsch, sondern eigentlich alle möglichen Unternehmen und Firmen. Nach einem Monat — bei vielen dauerte es nur ein bis zwei Wochen — hieß es, dass man die Krise nicht überstehen kann und höchstwahrscheinlich Insolvenz beantragen muss. Es war also niemand auf eine Notsituation vorbereitet? Nicht einmal ein klein wenig? Beim Fußball sind solche Aussagen eine noch viel größere Frechheit, sieht man sich an, mit wie viel Geld um sich geworfen wird.

Solidarität? Fehlanzeige!

In den Medien wird oft von Solidarität gesprochen. Von der ist bisher wenig bis nichts zu sehen. Während die ersten Athletinnen und Athleten aus anderen Sportarten schon ihren Gehaltsverzicht verkündet bzw. an zahlreiche Organisationen gespendet hatten, stritten sich die Beteiligten im Fußball aufgrund dieses Aspekts. Man möchte meinen, dass in solch schweren Zeiten nicht einmal ein Aufruf nötig ist, sondern alle von allein die Initiative ergreifen. Nein, nicht die Fußballer. Aktionen wie die von Leon Goretzka und Joshua Kimmich, die gemeinsam eine Million gespendet haben, sind die Ausnahme.

Die erste Hürde war, sich überhaupt auf einen Verzicht eines Bruchteils des Gehalts zu einigen. Dieser Bruchteil betrug dann lächerliche 10-20 Prozent. Die Spenden ließen zu Beginn ebenfalls zu wünschen übrig. Aussagen wie „Wie viel hast du denn schon gespendet?“ sind meist das Gegenargument. Es sollte jemandem, der 500.000 bis 1.000.000 Euro im Monat verdient aber wohl leichter fallen, einen höheren Betrag zu spenden, als jemandem, der 2.000 Euro im Monat verdient. 100 Euro weniger sind bei 2.000 Euro insgesamt viel. 10.000 Euro sind bei 500.000 Euro monatlich meiner Meinung nach nicht viel. Mit 490.000 Euro lässt es sich danach gut leben, mit 1.900 Euro im Vergleich etwas schwieriger, wenn man alle weiteren Kosten abzieht.

Bei manchen Teams erforderte es viel Geduld und Überredungskünste, z.B. beim FC Barcelona. Bei anderen Spielern hilft alles nichts und man kann nur den Kopf schütteln bei so viel Sturheit, wie es bei Mesut Özil der Fall ist. Beim FC Sion konnte es gar nicht zu einer Diskussion kommen, da der Klubbesitzer kurzerhand allen Spielern fristlos kündigte, um Kosten zu sparen. So kann man eine Krise natürlich auch bewältigen.

UEFA: Drohungen statt Zusammenhalt

Uneinigkeit herrscht aber nicht nur zwischen Klubs und Spielern. Die großen Verbände, UEFA und FIFA, sorgen selbst gerne für negative Schlagzeilen. Kurz nach dem Stopp des Spielbetriebs war Zusammenhalt gefragt, doch stattdessen forderte die UEFA gleich eine Ausgleichszahlung von den Verbänden, Ligen und Vereinen, sollte die EM verschoben werden. An sich ist das verständlich, schließlich muss das Geld irgendwie eingespielt werden.

Kurz darauf ging es aber mit Drohung in Richtung genau dieser Nationalverbände und Vereine weiter, auf deren Hilfe man selbst angewiesen ist. Nachdem Belgien die Saison abbrechen wollte, hieß es im April nämlich, dass die Ligen die Saison nicht abbrechen dürfen, da sie sonst von den internationalen Wettbewerben ausgeschlossen werden. Als Verband hat man dann zwei Möglichkeiten. Zum einen kann man die Saison abbrechen und ausgeschlossen werden. Das bedeutet jedoch, dass es weniger Einnahmen gibt und man den anderen Ländern in Zukunft hinterherhinkt. Oder, man spielt weiter und setzt sich der Gefahr des Coronavirus aus bzw. bekommt den Ärger vieler Bürger ab. Eine Lose-Lose-Situation, die durch die UEFA bedingt wurde.

Fußballwelt lernt nicht dazu

Es wird immer Menschen geben, die optimistisch sind und das ist auch gut so. Allerdings ist es schwer zu verstehen, wie das so viele sein können und aus welchen Gründen sie das sind. Hoffnung, dass sich der Fußball komplett wandelt; Hoffnung, dass jetzt alles gut wird; Hoffnung, dass alles besser wird… Diese Hoffnung wird normalerweise nach ein paar Monaten zerschlagen, beim Fußball ist das schon jetzt der Fall. „Die Tage der Millionen-Transfers sind gezählt“ war oft in den Schlagzeilen zu lesen. Bis heute liest man dann in aller Regelmäßigkeit: „Spieler XY soll für 80 Millionen Euro wechseln“.

Dass es keine 222 Millionen Euro wie bei Neymar werden, sollte klar sein. Aber auch diese 80 Millionen Euro sind kein Rückgang an Transfers, oder doch? Neymar, Pogba, Coutinho, Lautaro Martínez — nur um ein paar Spieler dieser Größenordnung zu nennen. Wer ist Eduardo Camavinga und wieso wird dieser 17-Jährige in Corona-Zeiten um 50 Millionen Euro gehandelt? Dieser Rückgang der Transfersummen von vielleicht 20 Millionen Euro, wenn überhaupt einer erkennbar sein sollte, wird in ein bis zwei Jahren (wahrscheinlicher ist in wenigen Monaten) wieder Geschichte sein. Obendrauf will beispielsweise Manchester City Kevin De Bruyne halten und den Vertrag verlängern, natürlich zu verbesserten Bezügen. Die 17 Millionen Euro würden dann erhöht werden. Die Frage, die sich stellt, ist also: Wo ist Besserung in Sicht?

FIFA geht den falschen Weg

Um die Ausgaben für Transfers einzudämmen, hätte man viele Wege einschlagen können. Die FIFA hat den einen Weg genommen, der komplett am Ziel vorbeischießt. Ihr Lösungsvorschlag besteht nämlich darin, die Transferperiode zu verlängern, die Sommerperiode direkt mit der Winterperiode zu verbinden oder eine dritte Transferperiode einzuführen. Schlussendlich kommt bei allen Vorschlägen dasselbe heraus: Die Vereine bekommen mehr Zeit, um noch mehr Geld auszugeben. Die Sinnhaftigkeit muss nicht in Frage gestellt werden, sondern ist schlicht nicht vorhanden.

Bundesliga bekommt grünes Licht und Sonderstatus

Während mit der Ligue 1 die erste große Liga die Saison komplett abgebrochen hat, geht es mit der deutschen Fußball-Bundesliga weiter. An Kritik am Beschluss mangelt es nicht, auch vonseiten einiger Spieler nicht. Die Entwicklung der TV-Gelder über die Jahre macht sich jetzt jedoch bemerkbar. Man ist in einer Zwickmühle, aus der man nur schwer wieder rauszukommen scheint. In Frankreich hingegen wurde schnell eine Lösung gefunden und der Fußball wird für eine jahrelange verkehrte Entwicklung mit Staatshilfen entschädigt.

Dass die Vorschriften, die für eine Weiterführung beschlossen wurden, wahrscheinlich nicht eingehalten werden, untermauerte das skandalöse Video von Salomon Kalou. Darin ist zu sehen, dass die Spieler von Hertha BSC gegen etliche Richtlinien verstoßen, wie Händeschütteln oder Sicherheitsabstand. Wer glaubt, dass es sich dabei um einen Einzelfall handelt, gehört wahrscheinlich zur gleichen Gruppe der Optimisten, die niedrigere Transfersummen in Zukunft sehen. Im Fußball bleibt ein Einzelfall aber glücklicherweise ein Einzelfall, denn sollte ein Spieler positiv getestet werden, muss nur dieser eine Spieler in Quarantäne. Der Sonderstatus steht eben über der Vorbildfunktion, die anderen Spielern und Verbänden nach der Corona-Zeit aber sicherlich gerne wieder an den Kopf geworfen wird.

Schlussendlich alles wieder beim Alten

Die Liste der Unstimmigkeiten, die sich in den letzten Wochen im Fußball angesammelt hat, ist noch viel länger. Die Lockerung des Financial Fair Play, der Zwist zwischen FIFA und UEFA, usw. — es scheint kein Ende zu haben. Der Fußball entwickelt sich in eine vollkommen falsche Richtung und die Menschen regen sich zurecht auf.

Schlussendlich ist dieser Ärger aber nicht mehr als eine Momentaufnahme. Spätestens mit dem 16. Mai ist der Ärger wieder verflogen oder wird durch Freude verdrängt. Freude darüber, dass es weitergeht mit der Nummer Eins im Sport; Freude darüber, dass ein guter Spieler zum Lieblingsverein wechselt, egal wie teuer er ist; Freude darüber, dass König Fußball einen Sonderstatus erhält.

Der König ist tot, es lebe der König!


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Nemi Sever

Meine große Leidenschaft ist Sport. Während ich Sportarten wie Wrestling, Darts und Fußball schon seit Jahren verfolge, gebe ich auch gerne anderen eine Chance. Hinter jeder Sportart steckt immer mehr, als man denkt.

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