Der Kobe-Effekt

Der Kobe-Effekt

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Es ist ein Tag wie jeder andere. Langeweile zieht sich ein bisschen durch den Tag, nebenbei läuft ein wenig Fernsehprogramm und man überlegt sich, was man zum Essen machen könnte. Der obligatorische Blick aufs Handy kommt alle paar Minuten. Doch an diesem Tag sollte dieser eine Blick lange auf dem Bildschirm verharren. „Kobe Bryant ist gestorben“ heißt es in einer Nachricht von meinem Bruder. Der Augenblick lässt sich genau gleich wie die späteren Reaktionen im Netz beschreiben: „Was? Nein! Das kann nicht sein. Bitte nicht! Sind es Fake News?!“ Eine kurze Überprüfung auf Google bestätigt die schreckliche Nachricht. Ein dumpfes Gefühl breitet sich – ein Gefühl, das man nicht zuordnen kann. Trauer, Wut, Schmerz… Was davon ist es? Was konstant bleibt, ist die Frage: „Warum?“

Eine Frage, auf die es nie eine Antwort geben wird, eine Frage, die in diesem Zusammenhang ein Loch hinterlässt. Das dumpfe Gefühl lässt nicht nach, auch nach Stunden nicht. Man kann nicht anders, als Meldungen darüber zu lesen und sich durch Facebook, Instagram und Twitter zu scrollen. Jeder neue Artikel fühlt sich an wie ein Schlag ins Gesicht. Wobei… Diesen würde man spüren, während in diesem Moment nur eine Leere im Körper herrscht. Ich persönlich habe meine Leidenschaft zu Basketball erst vor Kurzem entdeckt. Michael Jordan, Kareem Abdul-Jabbar, Shaquille O’Neal – alles Namen, die man aus der Geschichte des Sports kennt, auch ohne viel Basketball geschaut zu haben. Heute sind es Steph Curry, Kawhi Leonard oder LeBron James.

Kobe Bryant – die Legende

Ein Name, der für früher und für heute steht, ist KOBE BRYANT. Ich habe einige Youtube-Nächte damit verbracht, NBA-Videos zu schauen. Kobe war immer dabei, ob mit Rekorden, Tricks oder unglaublichen Spielen. Er war immer sympathisch, mit einem Lächeln auf den Lippen. Allerdings habe ich nicht mehr als sein Spiel auf dem Platz gekannt. Oft gab es zu hören, dass er ein super Typ mit einer großen Leidenschaft zum Spiel war. In seinem letzten Spiel ging er mit 60 Punkten und als Legende. Eine Basketball-Legende dankte ab und blieb als genau das in Erinnerung: Eine Legende.

Beim weiteren Durchscrollen der News wirkt alles irgendwie surreal. Dennoch ist es real, denn dieses zermürbende Gefühl wäre ohne die harte Realität nicht da. Der Tag ist gelaufen, Schockzustand breitet sich in der NBA und dem Rest der Sportwelt aus. Weitere Neuigkeiten verstärken den Schockzustand: Kobes Tochter Gianna ist ebenfalls ums Leben gekommen. Kurz darauf ist die Rede von fünf Personen, schlussendlich sind es sogar neun. Sie waren auf dem Weg zu einem Basketballspiel. Irgendwie klar, dass es so sein musste…

Aber warum?

Erste Reaktionen

Die ersten Bilder und Videos aus aller Welt erreichen die sozialen Medien. Am selben Abend finden NBA-Spiele statt. Spieler trauern, weinen, wissen nicht, wie sie damit umgehen sollen. Gregg Popovich muntert DeRozan auf oder versucht es zumindest. Nach der Niederlage seiner Mannschaft startet er sein Interview mit: „Gutes Spiel, schwierige Niederlage, wen interessiert’s.“

Die Spiele fangen alle damit an, dass man die Shot-Clock von 24 Sekunden – Kobes Nummer – ablaufen lässt. Die Trauer in einem selbst steigt, wenn man so etwas sieht, aber man kann wieder nicht anders, als es sich anzuschauen und mitzutrauern. Es liegt vielleicht auch daran, dass man mehr über die Person erfahren will, die die Menschen so bewegen kann. Dieses Kennenlernen geschieht vor allem durch die Interviews. Man sieht, wie viel Einfluss Kobe Bryant auf alle möglichen Spieler wie LeBron James oder DeMar DeRozan, aber auch auf Trainer wie Doc Rivers – von den Rivalen, den Los Angeles Clippers – hatte. Alle hatten diesen großen Respekt vor ihm. Viele streichen seine Leidenschaft zum Spiel heraus, andere seine Arbeitsmoral. Die ersten Tränen kullern runter…

Warum?

Kobes Reichweite

Bald wird klar, dass dieses Ereignis noch weitere Ausmaße annimmt. Nicht nur die NBA ist geschockt, sondern die gesamte Sportwelt. Fans aller Sportarten trauern mit. Allerlei Seiten teilen die herzbrechende Nachricht. Man lernt in diesen Stunden so viel über die Person, seine Erfolge, seine Werte, seine freundliche Art. Was aber am meisten beeindruckt: seine Reichweite. Die ganze Sportwelt steht still. Es ist anders als sonst. Es fühlt sich schlimmer an als sonst, auch für die, die nichts mit Basketball am Hut haben. Kobe kannte man, Kobe mochte man. Und wenn nicht, dann musste man zumindest seine Leistungen anerkennen.

Die Trauer auf Social Media ist in diesen Minuten und Stunden deutlich spürbar. Viele Personen sehen sich dazu aufgerufen, etwas zu schreiben. Normalerweise gibt es oft sinnlose Kommentare. Zu diesem Anlass gibt es erstmals einen Moment, den man als Sportfan zu schätzen weiß und den man so schnell nicht vergisst. Alle drücken ihr Beileid aus, alle schreiben über den Schockzustand, niemand kann es fassen. Keine Beleidigungen, keine dummen Späße, nichts davon. Der Schock sitzt zu tief bei allen Sportfans.

Warum?

Stars zollen Kobe Tribut

Nur schon kleine Fehler oder Abweichungen werden im Keim erstickt. Niemand will es zulassen, alle halten zusammen. Dank Kobe. Sein Einfluss ist auch jetzt spürbar, kurz nach seinem Tod. Er führt in diesen Momenten alle Sportbegeisterten zusammen. Dafür bin zumindest ich sehr dankbar, weil ich so etwas noch nie erlebt habe. Es ist ein trauriger Anlass dazu, aber dennoch: Er hat Millionen von Menschen zusammengebracht und gezeigt, warum die Sportwelt neben all dem Geld und all der Kritik doch so schön sein kann. Kobe hat die Liebe zum Basketball nie verloren und immer das Schöne daran gesehen.

Der Abend vergeht. Die Uhr tickt vor sich hin und bekommt keine Beachtung. Die Zeit steht ja still. Nach und nach kommen alle möglichen Persönlichkeiten zu Wort, auch außerhalb des Basketballs. Ein Bild nach dem anderen von Kobe und verschiedensten Stars aus Sport und Medien taucht auf. Dirk Nowitzki schreibt über den tragischen Verlust. Neymar zeigt nach einem Tor die Nummer 24 in die Kamera und zollt dem NBA-Star Respekt. Novak Djokovic erklärt, wie Kobe ihm in seiner Verletzungspause geholfen und ihn inspiriert hat. Diese Inspiration hat er also nicht nur Menschen gegeben, die zu ihm aufgesehen haben, sondern genauso anderen Sportstars, bei denen man eigentlich hätte denken können, dass sie es nicht brauchen. Eine Arbeitsmoral wie Kobe Bryant sie an den Tag gelegt hat, gibt es nur selten. Sein Buch „Mamba Mentality: Mein Weg zum Erfolg“ wird mir und hoffentlich vielen anderen Menschen bald einen Teil dieser Inspiration geben.

Niemand will das Unglück wahrhaben, aber leider ist es die grausame Wahrheit. Während dem kompletten Abend bis spät in die Nacht hänge ich am Handy und am Laptop. Nur das bleibt in Erinnerung, ansonsten ist alles weg – kein TV, keine Arbeit, keine Artikel, es gibt keine Erinnerungen, nur noch Kobe.

Warum?

Der Tag danach

Am nächsten Tag gibt es kein Gefühl von Besserung. Der erste Gedanke nach dem Aufwachen ist Kobe Bryant. Auf Social Media findet man inzwischen einen Mix aus Themen, jedoch dominiert der Helikopterabsturz weiterhin die Schlagzeilen. Natürlich schreibt der Sport seine eigenen Geschichten. Trae Young (Atlanta Hawks) und Devin Booker (Phoenix Suns) hatten beispielsweise beide jeweils 24 Field-Goal-Versuche – und haben zusammengerechnet 81 Punkte gemacht – Kobes Rekordpunktezahl und die zweithöchste in der NBA-Geschichte. Es sollten nicht die einzigen Statistiken mit Vergleichen zu Kobe bleiben. Spieler mit der 8 oder 24 auf dem Rücken wechseln kollektiv ihre Trikotnummer.

Tag 2 bleibt leider nicht wie Tag 1 ohne dämliche Kommentare. Der Standardsatz „Es sterben jeden Tag Menschen“ ist zu lesen. Es nervt, aber man versucht, das Gelesene zu ignorieren. Was jedoch nicht ignoriert werden kann, sind die Menschen, die einen Tag nach seinem Tod eine Vergewaltigungsgeschichte hervorholen (und damit ist nicht ausschließlich die Reporterin gemeint). Es ist eine bodenlose Frechheit. Ich kannte den Mann nicht persönlich, bin mit Basketball in vielen Hinsichten noch nicht einmal wirklich vertraut, aber dennoch steigt eine enorme Wut auf. Wie kann man nur? Es gab Vergewaltigungsvorwürfe, die jedoch nie bewiesen wurden. Einen Tag nach seinem Tod will man dann diese Gelegenheit ausnutzen? Mitten in die Trauer von nicht 100, nicht 1.000, nicht 10.000, nicht 100.000, nein, von Millionen von Menschen?

Idol für Fans

Er ist kein weit entfernter Star, dem man einfach nur zuschaut. Er ist ein Sportidol, der bestimmte Momente für Menschen kreiert hat, die kein(e) Politiker(in), kein(e) Professor(in) oder kein(e) Aktivist(in) kreieren kann. Es sind alles wichtige Themen, ja, aber Sport ist nun einmal ein entscheidender Faktor im Leben eines Großteils von Menschen und das sollte unbedingt von allen verinnerlicht werden. Sport ist wie kein 2. Element auf der Welt, das die Leben vieler Menschen verändert. Kobe war ein Teil dieses Sports und sogar ein riesengroßer, wie sich gerade im Nachhinein herausstellt. Für viele ist es nur ein „weiterer Star“, der stirbt.

Ich liebe Sport – nicht nur Basketball, nicht nur Fußball, nicht nur Darts, sondern Sport, und so geht es Millionen von Menschen. Ein Idol, eine sportliche Größe, ein Mensch, der Gänsehaut-Momente und unvergessliche Augenblicke in viele Leben gebracht hat, wurde plötzlich aus dem Leben gerissen. Plötzlich… ohne Vorwarnung… mit der Tochter und seinen Kolleginnen und Kollegen und deren Kindern.

Warum?

Keine Ablenkung

Ablenkung ist Fehlanzeige. Es wird weiter durchgeblättert, selbst wenn dieselben Sachen wie am Tag zuvor erscheinen, sieht man sie sich vielleicht nochmals an. Der Versuch, Alltagssachen zu machen, scheitert. Zu Hause dreht sich wieder alles um Kobe. Ein Versuch, mich durch meine Leidenschaft- Wrestling – abzulenken, bringt nichts. Beim Event „Royal Rumble“ kommen nach und nach 30 Leute zum Ring. Also gibt es auch eine Nummer 8… und eine Nummer 24… Wie kann ein Mensch jemanden so sehr beeinflussen, ohne dass man sich überhaupt viel mit ihm auseinandergesetzt hat?

Sport ist eben eine schöne Sache und Kobe verkörperte seinen mehr als jeder andere. Das Video, wie er seiner Tochter das Spiel erklärt, ist herzzerreißend. Gerade deshalb erscheint es noch ein wenig schwerer. Er tat es nicht des Geldes wegen, nicht des Ruhmes wegen, nein, sondern der Liebe zum Sport wegen. Genau deshalb lieben wir Sport. Genau deshalb gibt es durch Sport Momente, die man nie vergessen wird. Bei einem großen Teil der Menschheit sind es vielleicht sogar mehr solcher Momente als andere.

„Dear Basketball“ von Kobe Bryant

Der Tag plätschert dahin. Eine trauriger Fakt nach dem anderen wird veröffentlicht. Die schönen Nachrichten wirken nicht wirklich schön, wie seine „Hall of Fame“-Aufnahme. Mein Knackpunkt ist sein Gedicht bzw. Kurzfilm, für den er einen Oscar gewonnen hat:

Dear Basketball,
From the moment
I started rolling my dad’s tube socks

And shooting imaginary
Game-winning shots
In the Great Western Forum
I knew one thing was real:

I fell in love with you.

Liebes Basketball,
Von dem Moment an
Als ich angefangen habe, die Socken meines Vaters zusammenzurollen
Und imaginäre
Spielentscheidende Würfe
Im Great Western Forum zu versenken
Wusste ich eines ganz sicher:

Ich habe mich in dich verliebt.

Die Tränen fließen nur noch so nach unten und die Frage, die bleibt, ist: Warum?

Gerade, als man denkt, man könne nun gut damit umgehen, kommt das erste Heimspiel der Lakers nach Kobes Tod. Eine Woche später – das dumpfe Gefühl ist wieder da.

Danke Kobe, für deine unvergessliche Karriere, deine sympathische Art und deine Mentalität, die Millionen von Menschen weitergebracht hat.

Danke Kobe, dass du sogar nach deinem Tod so einen großen Einfluss hast und die Sportwelt miteinander verbindest. Ein kleiner Funken von einem schönen Gefühl in einer so zermürbenden Zeit.

Danke #8 #24

Danke Kobe


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Nemi Sever

Meine große Leidenschaft ist Sport. Während ich Sportarten wie Wrestling, Darts und Fußball schon seit Jahren verfolge, gebe ich auch gerne anderen eine Chance. Hinter jeder Sportart steckt immer mehr, als man denkt.

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